Nur einen Kaffee! – Geschichten, die das Leben schreibt

Berlin. Es ist früh am Morgen und noch ziemlich dunkel draußen. Ich bin schon unterwegs, da ich heute nachhause fahre.
Es sind nur wenige Menschen unterwegs. Das erstaunt mich, Berlin ist doch die Stadt, die niemals schläft, oder? Gut, vielleicht wollen manche um diese Uhrzeit sich lieber noch einmal im Bett umdrehen, als sich der Kälte preiszugeben.
Mein Magen knurrt, ich hatte keine Zeit mehr zu frühstücken. Aber wozu bin ich in Berlin, wo man zu jeder Tages- und Nachtzeit Essen findet?

„Haben Sie ein bisschen Geld für mich?“
Ich schaue in meine Geldbörse, aber tatsächlich: gähnende Leere. Grad so 2 Euro bekomme ich zusammen. Aber ich wollte mir doch noch für meine Reise ein kleines Frühstück besorgen. Ich schaue den Mann an und wäge innerlich in einem Sekundenbruchteil ab.
Ich greife zum Kleingeld und gebe ihm 50 Cent. Wir stehen beide vor dem kleinen, offenen Kiosk im Bahnhof. Ich drehe mich um, weil ich nun an der Reihe bin und mein Essen bestellen will. Mein Blick fällt auf das Kartengerät und ich drehe mich wieder zu ihm um: „Hey, willst du etwas essen oder trinken?“ Er schaut mich direkt an: „Ein Kaffee hätte ich gern.“ Also kommt noch ein Kaffee zu meiner Bestellung. Er will wirklich nur einen Kaffee, kein Essen oder etwas anderes. Kaffee!
Und damit hat er etwas in mir ausgelöst:

Vielleicht rettet ein spendierter Kaffee keinen Menschen, vielleicht verändert ein spendierter Kaffee kein Leben, vielleicht kann ein spendierter Kaffee die Situation der Person nicht grundlegend verändern. ABER vielleicht ist dieser spendierte Kaffee genau das, was dieser Mensch gerade will?
Vielleicht muss ein spendierter Kaffee nicht mehr oder weniger sein, vielleicht muss er nur genau das sein, was dieser Mensch gerade will.

Beschwingt gehe ich zum Bus. Die Kälte kann mir nichts mehr anhaben. Denn von innen ist mir ganz warm, weil ich durch die Begegnung mit diesem Mann so viel lernen konnte.

Vielen Dank an Saskia, die diese Geschichte mit uns geteilt hat.

 

Über „Geschichten, die das Leben schreibt“

Im Rahmen eines Adventskalender haben wir die Rubrik „Geschichten, die das Leben schreibt“ gestartet. Seitdem haben wir ein paar Geschichten veröffentlicht, die uns erreicht haben. Nun wollen wir die Rubrik mit neuen Geschichten füllen.

Geschichten, die das Leben schreibt, sind die Geschichten, die uns im Kopf geblieben sind. Vielleicht weil sie uns glücklich gemacht oder uns emotional berührt haben. Vielleicht weil sie uns traurig oder sauer gemacht haben. Geschichten, die sich rund um das Projekt Spendiert! – Suspended Coffee Germany drehen und die ihr in den teilnehmenden Geschäften erlebt habt. Oder es sind Geschichten, die ihr mit (obdachlosen/wohnungslosen) Menschen erlebt habt. Alle Geschichten, die ihr uns erzählen möchtet, teilen wir.

Schreibt uns gern eure Geschichten, wir freuen uns!

 

Titelfoto:
Till Hardenbicker, „Armut – unbemerkt von den Massen“
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Quelle: www.piqs.de

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