05. Dezember – 5. Türchen

Wir haben euch nach euren Erlebnissen mit Obdachlosen in der Weihnachtszeit gefragt und haben ein paar bekommen. Heute möchten wir die erste Geschichte mit euch teilen. Diese Geschichte erwärmt das Herz!


05. Dezember 2016- 05. Türchen


„Weihnachten 2008 flog ich, kurzentschlossen an Heiligabend nach London. Diese Stadt, die ich noch nie gesehen hatte, war mir schon immer ganz nah.
In dieser Zeit fühlte ich mich sehr alleine, sehr verlassen und ich suchte. Ich suchte Fehler, die ich in meinem Leben und vielleicht im Umgang mit Menschen gemacht hatte. In Gedanken brachte ich mich immer wieder in meine Kindheit. Da war noch alles so einfach.

Nun war ich endlich da. London. Am 1. Feiertag morgens um acht Uhr verließ ich, zu Fuß, das Hotel in Richtung Southwark Bridge. Die Stadt war menschenleer, auch kein Auto oder Bus fuhr. Ich hatte diese wunderbare Stadt für mich ganz alleine. Bis ich aus der Ferne am Ende der Brücke einen Abgang sah. Ich bin Fotografin und freute mich darauf, schöne Fotos vom Wasser machen zu können. Ich ging etwa schneller und sofort nach links, um die Treppe hinab zu steigen.

Unter am Ende der Treppe stand ein Obdachloser mit seinem Hab und Gut. Ich erschrak und blieb stehen. Wir sahen uns an und ich dachte, dass ich jetzt doch nicht umkehren kann. Er würde denken, dass ich ihn ablehne und das würde ihn verletzen. Aber ich hatte Angst. Es war weit und breit kein Mensch zu sehen.

Er schien meine Angst zu spüren, denn er lächelte, nahm seine Sachen und ging weg von der Treppe. Langsam ging ich runter und machte ein paar Fotos. Er sah mich an, sagte aber nichts. Uns trennten ca. 10 Meter und ich sah in so warme Augen, die mir ein wunderbares Gefühl gaben. Meine Angst war längst weg.

Ich nahm 5 €, ging auf ihn zu, gab sie ihm und wünschte ihm: „ Merry Christmas.“ Ich drehte mich um und ging wieder in Richtung Aufgang als er sagte: „Wait.“ Er kam zu mir, reichte mir seine Hand, die ich wie selbstverständlich nahm, und sagte: „Your love and the Truth are your home.“ (Deine Liebe und die Wahrheit ist dein Zuhause).

Ich sagte nichts mehr, ich ging und nahm etwas mit, das ich noch heute in mir trage. Obdachlos heißt auf Englisch: Homeless. Nennt sie bitte nicht Penner!“

Danke an Bärbel, die dieses Erlebnis mit uns teilt!

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